Salzburger

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Geschichte der Salzburger Siedler in Ostpreußen

Der nachfolgende Text wurde dem VFFOW freundlicherweise von Werner Scheffler als Auszug aus seinem Buch zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Salzburger Bauernaufstände

Die ab dem 15. Jahrhundert immer wieder auftretenden Unruhen von Bauern und im Salz- und Erzbergbau arbeitenden Knappen sind auf steigende grundherrschaftliche Belastungen, erhöhten Steuerdruck und konfessionelle Auseinandersetzungen zurückzuführen.

Im Fegefeuer

Im Fegefeuer

In der spätmittelalterlichen Kirche führten Geistliche und Mönche oft ein ausschweifendes Leben (in Visitationsberichten findet sich neben positiven Beurteilungen ebenso Kritik über Konkubinen, häufige Wirtshausbesuche, Geldschulden und nur rudimentäre theologische Kenntnisse), dazu gehörte Ämterkauf, Korruption und Vetternwirtschaft. Die Priester machten Geld mit Reliquien, Segen und Ablässen (sogar für Verfehlungen bereits Verstorbener). Die Messe wurde vom Priester in Lateinisch verlesen; soweit Predigten in Volkssprache erfolgten, schilderten sie Himmel und vor allem Hölle mit den Schrecken des Fegefeuers, dem man nur durch Buße (mit erkauftem Ablass) entgehen konnte. In dieser Feudalgesellschaft trugen Bauern mit sich beständig erhöhenden Abgaben, Steuern und Frondiensten die Hauptlast.

Ablasshandel

Ablasshandel „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“

Das Volk litt unter der Willkür seiner Herren in einem von Ängsten und Gewalt beherrschten Alltag. Mit Verbreitung der nach Erfindung des Buchdrucks in großer Auflage erschienenen, von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel und anderer reformatorischer Schriften wurde der Widerspruch zwischen geistlicher Lehre und Handeln von Kirche und Obrigkeit offensichtlich. Luther vertrat die Überzeugung, dass sich Seelenheil nur durch Gottes Gnade in Wort und Willen einer jedermann verständlichen Heiligen Schrift, ohne priesterliche Sündenvergebung, erkauften Ablass, Anbetung von Reliquien oder Schutzheiligen erlangen lässt.

Belagerung der Festung Hohensalzburg durch aufständische Bauern 1525

Durch Hinrichtung zweier Pongauer Bauernsöhne, die man der Abkehr vom katholischen Glauben bezichtigte, wurde 1525 der Große Salzburger Bauernkrieg ausgelöst. Der Fürsterzbischof musste sich auf die Festung Hohensalzburg zurückziehen und war nach 14-wöchiger Belagerung bereits zur Abdankung bereit. Mithilfe erkaufter Truppen des Schwäbischen Bundes unterlagen aber letztlich die Aufständischen. Ein wiederaufflammender zweiter Aufstand zerbrach vor Radstadt und wurde mit einem grausamen Blutgericht geahndet. Die zusammengetriebenen Bauern mussten der Hinrichtung von 27 Führern zusehen, dem Erzbischof huldigen und eine zu weiterer Verarmung führende „Brandschatzung“ aufbringen.

Die fortwährende Unterdrückung, Missstände in Kirche und Priestertum hielten die evangelische Bewegung in den unzugänglichen Gebirgsgauen als Geheimprotestantismus lebendig, immer wieder kam es zu mit Gewalt unterdrückten Unruhen.

Im Zuge der Gegenreformation wurden letztlich 1731/32 etwa 20.000 Salzburger – überwiegend aus dem Pongau - des Landes verwiesen. Dies war im betroffenen Gebiet ein Drittel der Bevölkerung (in Bischofshofen waren die Hälfte, in St. Martin zwei Drittel und in Pfarrwerfen fast alle Höfe verlassen). Menschenverluste und verlassene Höfe belasteten noch lange die wirtschaftliche Entwicklung. Erst ein Jahrhundert später konnte die alte Bevölkerungszahl wieder erreicht werden.

Vertreibung der Salzburger Protestanten und Ansiedlung in Ostpreußen

Nach den schon zuvor geschilderten Bauernaufständen, Ausbeutung und Unterdrückung, aber auch ruhigeren Zeiten unter gemäßigten Erzbischöfen und manchmal mit dem Protestantismus sympathisierenden Pfarrern, wurde die Lage der Evangelischen sehr ernst als 1727 von Firmian Erzbischof in Salzburg wurde und eine brutale Gegenreformation begann. Landesfremde Jesuiten (weil örtlichen Pfarrern nicht vertraut wurde) veranstalteten Befragungen und Versammlungen; aber Bekehrungsversuche mit Bestrafungen bis zu Kerkerhaft führten nur zu einer Festigung und mehr Zusammenhalt der Evangelischen.

Verbrennung konfiszierter evangelischer Bücher

Kerkerhaft bekennender Protestanten (aus Salzb. Schraubmedaille)

Predigtstuhl im Abtswald (protestantische Versammlungsstätte)

Ein sich formierender Widerstand von 19.000 sich bekennenden Evangelischen war Anlass für Versammlungen, Beschwerdeschriften an das „Corpus Evangelicorum“ (Zusammenschluss der evangelischen Stände beim in Regensburg tagenden deutschen Reichstag) wie eine Bittschrift an den österreichischen Kaiser. Eine der nach Regensburg entsandten Delegationen wie auch die Überbringer des Bittgesuches an den Wiener Kaiser wurden abgefangen und inhaftiert und „neun Klafter tief im argen Gefängnis der Festung Hohensalzburg bei Hunger und Durst“ gefangen gehalten.

Salzleckerdenkmal in Schwarzach

Eine neue Beschwerdeschrift an die protestantischen Fürsten wurde verfasst und nach Regensburg gesandt. An den Erzbischof wurde appelliert, Glaubensfreiheit zu gewähren, und versichert, „in allen leiblichen Sachen gehorsam und nicht widerspenstig“ zu sein. Eine erzbischöfliche Kommission hatte in den Pfleggerichten nach eingehenden Befragungen eine Liste von 20.678 sich zum evangelischen Glauben bekennenden Untertanen festgestellt.

Erzbischof Firmian

Die Reaktion des Erzbischofs erfolgte nachdem Verstärkung durch anrückende kaiserlich katholische Truppen eingetroffen war. Die Evangelischen wurden zu Rebellen erklärt, damit wurden ihnen im Westfälischen Frieden den Konfessionen zugestandene Rechte verweigert. Anführer wurden eingekerkert, die „Ketzer“ entwaffnet. Den Evangelischen wurden kirchliche Taufe und Beerdigung verweigert. Am 11. November 1731 wurde das Ausweisungspatent veröffentlicht, danach hatten die „Unangesessenen“ das Land binnen 8 Tagen und die Grundbesitzer binnen drei Monaten zu räumen. Dies löste wohl die größte Flüchtlingswelle des 18. Jahrhunderts aus.

Salzburger Emigranten (Kirchenfenster Christuskirche Salzburg)

Am 24. November 1731 fingen die Soldaten an, die Unglücklichen aus den Häusern, von Arbeitsplätzen und Straßen weg wie sie gingen und standen ohne Reiseverpflegung oder warme Sachen zu Sammelstellen zu treiben. Die Betroffenen ertrugen ihr Schicksal als eine Prüfung Gottes. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab, gelegentlich behielt man Kinder der Ausgewiesenen gewaltsam zurück, um sie als Unmündige der katholischen Kirche zu erhalten und in ihr der Seligkeit zuzuführen.

Die ersten Wanderungen verliefen planlos, denn mit keinem der angrenzenden Länder waren vom erzbischöflichen Hofe irgendwelche Verhandlungen oder Absprachen erfolgt. Wiederholt warteten die Exulanten an den damals vielen Grenzen, letztlich waren es die freien Reichsstädte, in welchen Katholizismus und Protestantismus gleiche Rechte genossen, die – wie Augsburg - Durchzug und Weiterzug ermöglichten.

Marschkarte der Salzburger Emigranten

Nachdem nun Abgesandte der Salzburger bei mehreren protestantischen deutschen Fürsten Einwanderungsbewilligungen ersuchten, erklärte sich König Friedrich Wilhelm I. von Preußen zur Aufnahme evangelischer Glaubensgenossen bereit, „auch wenn etliche Tausend kämen“. Sein Einladungspatent im Februar 1732 und die Beauftragung des Kommissars Johann Göbel mit der Organisation der Marschzüge gab ein Ziel vor. Am 29. April 1732 traf der erste Salzburger Zug unter dem Gesang geistlicher Lieder in Potsdam ein, der König selbst nahm ihn in Augenschein, ließ sich berichten und wiederholte mehrmals die Worte: „Ihr sollets gut haben, Kinder, ihr sollets bei mir gut haben“.

Der Zug wird von Zeitzeugen so beschrieben: Durcheinander gemischt gebückte, zitternde Greise in weißem Haar mit starken Männern und Jünglingen im blühenden Alter; erschöpfte und ermattete alte Weiber mit kraftvollen Frauen und jugendschönen Mädchen. Auch an Kindern fehlte es nicht […] Dann folgten Wagen voll von Reisegerät, Siechen, Kinderbetterinnen, Entkräfteten, Säuglingen, Neugeborenen und Wiegen.

Sondermarke 1982

In Berlin teilten sich die Züge, einige wählten den Weg nach Stettin und anschließenden Seeweg nach Königsberg, andere den Landweg. Die Tausenden Emigranten konnten in Ostpreußen zunächst nur unzulänglich bei eingesessenen Bauern und Bürgern untergebracht werden. Nach den Pestjahren waren zwar viele wüste Stellen entstanden, die meisten aber schon durch frühere Kolonisten wie Schweizer, Nassauer und andere wieder besiedelt worden. Zunächst musste also der früh hereinbrechende strenge ostpreußische Winter in Notquartieren und untätig überstanden werden. Klimawechsel, Krankheiten, Heimweh und Ungewissheit erschwerten das Einleben. Erst bis Ende 1734 gelang weitgehend die Ansiedlung.

König Friedrich Wilhelm I. als Schirmherr der Salzburger

Durch königliche Edikte war geregelt, dass diejenigen, die in Salzburg Höfe verloren hatten, wieder Höfe erhielten. Knechte und Mägde sollten zunächst als solche auch in Preußen tätig sein. Einige Auswanderer hatten – wohl verborgen – Barmittel mitbringen können, andere erhielten auf Betreiben des preußischen Königs nach 1740 aus Salzburg Entschädigungszahlungen, die aber weit unter Wert der zunächst kaum verkäuflichen, verlassenen Güter blieben (das „Verzeichnis derer zu freyem Kauff stehenden Güter der Emigranten“ umfasst 1.756 Höfe) . Den Salzburgern zugestanden wurde eine bis 1808 bestehende Selbstverwaltung unter 26 Schulzen.

Die Salzburger Emigration ging mit Goethes Epos „Hermann und Dorothea“ in die Literatur ein.

Emigrantendenkmal in Savannah/Georgia

Während der Großteil der Emigranten wie beschrieben von Preußen aufgenommen wurde, fanden einige Hundert Emigranten Zuflucht in den Niederlanden und Nordamerika (Siedlung Ebenezer nordwestlich von Savannah in Georgia).

Nach den Strapazen der mehrmonatigen 1.600 km langen Wanderung, nach Krankheiten – an denen vor allem alte und sehr junge Menschen während des Zuges und des ersten strengen Winters in Notquartieren verstarben (etwa ein Viertel der Emigranten verstarb auf der Reise und in den ersten beiden Jahren), nach Schwierigkeiten mit Sprache, Argwohn der Einheimischen und Enttäuschungen über zugewiesene Arbeitsstellen wie Siedlungsland gelang schließlich dank Fleiß und Tüchtigkeit mit Glaubensstärke und Zusammenhalt die Eingewöhnung in ein nach der Pest wieder aufstrebendes Land.

Währenddessen blieben fast 2.000 verlassene Höfe brach und verwildernd in manchmal menschenleeren Tälern zurück und viele der Verbliebenen bekannten sich nur zur Abwendung der Ausweisung als katholisch. Nach zunächst wirtschaftlichem Einbruch wurden die in Anbetracht des Überangebotes zu verfallenden Preisen angebotenen Güter teilweise von einheimischen Bauern und bisherigen Tagelöhnern, größtenteils aber von – kontrolliert von der Obrigkeit - „glaubensfesten“ Neuansiedlern aus Tirol, Bayern und dem Schwarzwald übernommen.

Gedenktafel an der Christuskirche in Salzburg

Beeinflusst durch Luther veränderte sich nach der Reformation auch die katholische Kirche, über die seitdem vergangenen Jahrhunderte ermöglichte dies eine Aussöhnung der Konfessionen. So wird die Vertreibung der Salzburger Protestanten in neuerer Zeit tief bedauert. 1966 erfolgte die Vergebungsbitte des Salzburger Bischofs Rohrbacher, die 2016 offiziell von der evangelischen Kirche angenommen wurde.

An die Vertreibung erinnern im Salzburger Land heute Denkmäler und Gedenktafeln sowie Ausstellungen in den Heimatmuseen und Berichte in den Pongauer Ortschroniken.

Quellenangabe

Aus Werner Scheffler „Lebenswege in Ostpreußen und im Salzburger Land – Familiengeschichte Scheffler, Liedtke, Bacher, Schober, Steiner u.v.a. über 6 Jahrhunderte“
(Cardamina Verlag - ISBN 978-3-86424-427-8 - zudem in einigen Landes- und Fachbibliotheken oder als Fernleihe in allen öffentlichen Bibliotheken entleihbar.)

weitere Informationen

Ein Verzeichnis der Familiennamen ostpreußischer Salzburger und weiterer Hinweise ist zu finden unter dem Link https://salzburger.homepage.t-online.de/Fam-name.htm